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»Mein Kopf wird euch auch nicht retten«

Über das Buch

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Zur Kommunikation der Häftlinge

Ausgewählte Briefe

Besprechungen

Buchpräsentation am 26. Oktober 2016

Personenregister

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»Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer«

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Österreicher in der Roten Armee 1941 – 1945

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Österreichische ÖkonomInnen der ArbeiterInnenbewegung

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Österreichische Remigration aus der Sowjetunion

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Bin ich ein guter Soldat und guter Genosse gewesen?


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»Mein Kopf wird euch auch nicht retten«.

Buchpräsentation: 26. Oktober 2016 im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts für Strafsachen Wien

In den verdrängten Jahren / fiel Regen so wie heute auch / auf Weise und auf Narren. / Die Sonne schien, wie heute auch, / und helle Kinderscharen / sind Ringelspiel gefahren. / Leise flossen kalte Schwärzen / wie Dämmerung in blinde Herzen, / aus Nebel und Rauch. / Und es hat keiner hingeschaut / auf was sich da zusammenbraut, / so wie heute auch. (Heinz R. Unger)

26.10.2016 Gr. Schwurgerichtssaal.
Referat von Willi Weinert im Rahmen der Buchpräsentation
„Mein Kopf wird euch auch nicht retten“.

Ich möchte nun ein paar Worte zur Thematik sagen.
Bereits die 3. Auflage des Buchs über die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof, konnte in diesem Haus vorgestellt werden und nun folgt in gewissem Sinne die Fortsetzung, geht aber nicht nur in seinem Umfang um ein Vielfaches darüber hinaus, sondern wird durch die etwa 2000 Briefe von ungefähr 170 Menschen konkret, persönlich, bietet die Möglichkeit, sich den Widerstand Leistenden gedanklich zu nähern – Empathie aufkommen zu lassen.

Was diese beiden Bücher verbindet, womit sie verwoben sind, ist jener Gedanke, den der ebenfalls hier hingerichteten Straßenbahners Rudolf Sturm – dreißigjährig – (9.8.1913 – 13.4.1943) in einem Kassiber formuliert hatte, in dem er die Frage stellte:
„Man wird einmal erzählen, schreiben und viele andere Sachen tun, um das Andenken jener Opfer wachzuhalten, die notwendig waren. Später wird es Gewohnheit und darüber hinaus vergessen. Wer denkt heute noch an die Märzgefallenen von 1848, wer an die Opfer von 1918, wer an den 15. Juli 27, an den Februar 34, wer frage ich?“

Nach gut zwei Generationen, kann gesagt werden, dass schon der erste Satz seiner Feststellung nie eingetroffen ist. „Man wird einmal erzählen, schreiben und viele andere Sachen tun, um das Andenken jener Opfer wach zu halten, die notwendig waren.“

In keiner Phase der österreichischen Nachkriegsgeschichte wurde von diesem Staat Gebührendes, schon gar nicht Ausreichendes getan „um das Andenken an die Opfer wachzuhalten“.
Nein, es waren auch seinerzeit nur deren Angehörige, deren Mitstreiter, und ein kleiner Kreis von Antifaschisten, die der Opfer dieser Zeit gedachten, die versuchten, dem Vergessen entgegenzuwirken.

Und wenn Rudolf Sturm ganz klar formulierte, dass mit dem zeitlichen Abstand zu Ereignissen die Erinnerung an historischem Geschehen verblasst, so haben auch wir keine Illusionen über diese „Gesetzmäßigkeit“, auch wenn heutzutage in bestimmten Bereichen ein ritualisiertes Gedenken zelebriert wird.

Nicht nur einmal waren wir im Zuge der Arbeit mit der an uns gerichteten Frage konfrontiert: „Wen interessiert denn das heute?“

Wenn wir uns trotzdem dieser Thematik zugewandt haben, so nicht aus dem Grund, weil wir als Nachgeborene der 1. Generation diese Thematik für uns zufällig entdeckten, nein, sie war und ist auch Teil unserer beider Familiengeschichte.
In unserem bewussten Leben konnten und durften wir Menschen kennenlernen, deren Angehörige und Freunde zum Kreis der NS-Opfer zählten, und unser beider Eltern haben manche gekannt, die hier geköpft wurden, waren mit ihnen damals im antifaschistischen Kampf verbunden, nahmen selbst daran teil, saßen in der Zeit zwischen 1934-1945 in verschiedenen Gefängnissen, überlebten in der Emigration oder inhaftiert hier in Österreich oder dem sogenannten Altreich.

Der andere Grund unserer Beschäftigung lag in unserer – hoffentlich nicht zu optimistischen – Vorstellung, damit interessierten Nachgeborenen, die sich über diese Zeit und ihre Menschen informieren wollen, mit dem Buch die Möglichkeit zu geben, ihr Wissen um diese Zeit und vom Kampf gegen den Nazifaschismus zu erweitern. Vor allem aber sich zu informieren über die Menschen, deren Charakterstärke und deren Geradlinigkeit, die ermordet wurden, weil sie aktiv gegen dieses Regime gekämpft hatten, weil sie aufgrund ihrer jeweiligen Weltsicht die Notwendigkeit sahen, das Unrecht vorbehaltlos zu bekämpfen.
Wir möchten an ihrem Beispiel die Notwendigkeit der bewussten Widerständigkeit vor Augen führen. Damals und jederzeit.

„Mein Kopf wird euch auch nicht retten“ - Wieso dieser Buchtitel?

Franz Strohmer, ein kommunistischer Widerstandskämpfer, gehörte zu jenen Österreichern, denen die Zusammenhänge zwischen dem notwendigen Kampf gegen das NS-Regime als Voraussetzung für das Wiedererstehen eines freien Österreichs klar waren, die genau wussten, wenn man dafür eintritt, es keine Alternative zum aktiven Widerstandskampf gegen das Naziregime gibt.

Und alle wusste auch, – und bei Rudolf Sturm tritt uns dieses historische Wissen deutlich entgegen – dass so ein Kampf Opfer fordert, auch wenn kaum einer der Widerstandskämpfer mit dem eigenen Tod vor Augen sich an diesem beteiligte.

In ihrem Widerstand spiegelte sich ihre optimistische Weltsicht, ihr Wissen um die Veränderbarkeit herrschender Verhältnisse zum Wohle aller.
Ihr Widerstandskampf war Ausdruck der moralischen Pflicht und eines humanistischen Auftrags, der auf dem Recht auf Widerstand beruhte, wie das vor mehr als 50 Jahren der Jurist Eduard Rabofsky formulierte – auch er war Widerstandskämpfer und war Opfer brutalster Folterungen durch die Gestapo. Sein Bruder ist hier geköpft worden.

Die ermordeten Widerstandskämpfer waren Akteure in der Allianz eines weltumspannenden Kampfes, waren Teil der Dutzende Millionen zählenden Opfer.

Kommen wir zurück zu Franz Strohmer:

Als man Strohmer am angesetzten Hinrichtungstag in den Hinrichtungsraum holte, wusste er, dass nun sein Tod unmittelbar bevorstand.

Jeder, der aus seiner Todeszelle heraus in die Abgangszelle gebracht wurde, war mit etwas Neuem konfrontiert, über das es in diesem Grauen Haus kein konkretes, weitergegebenes Wissen gab – wie denn auch? Und noch weniger wussten die Todeskandidaten, wie das weitere Prozedere nach diesen acht Stunden in der Abgangszelle sich gestalten wird. Nur eines wussten sie, dass sie nämlich nach dieser Zeitspanne tot sein werden.

Natürlich quälten sie, nachdem sie die Todeszelle betreten hatten, über Wochen und Monate die Gedanken über das Wie. Einige schrieben in ihren letzten Briefen über dieses psychische Drangsal.

Nun stand Strohmer vor dem schwarz drapierten Tisch, hinter dem der Vorsitzende saß um ihn nach seinem Namen zu fragen.

Und noch bevor dies passierte und man ihn nach dieser Personenfeststellung mitteilen konnte, dass eine Begnadigung nicht erfolgt sei, sagte er – wie das sogenannte Vollstreckungsprotokoll akribisch festhielt:
„Mein Kopf wird euch auch nicht retten.“
Wenige Sekunden später traten die beiden Gehilfen des Scharfrichters, die hinter einem schwarzen Vorhang auf das Stichwort des Vorsitzenden „Das Urteil wird jetzt vollstreckt“ gewartet hatten, hervor, nahmen ihn links und rechts unter den Armen, zwangen seinen Körper routiniert auf das Richtbrett, fixierten seinen Kopf, dessen Stirn am sogenannten Stirnriemen zu liegen kam, mit dem sogenannten Halsbrett, worauf nun – es war knapp nach 18 Uhr 15 – der aus Prag angereiste Scharfrichter Weiss „seines Amtes waltete“. Er löste mit einem Ruck am Stahlseil die Sperre, die das 10 kg schwere Stahlmesser am oberen Rand der Konstruktion fixiert hatte.
Nach wenigen Sekunden, so attestierte der immer dabei anwesende Gefängnisarzt, war bei Strohmer der Tod eingetreten.

Kein anderer protokollierter Ausspruch – nur vier sind mir aus den Akten des Reichsministeriums für Justiz bekannt – wie Strohmers „Mein Kopf wird euch auch nicht retten“, bringt diese Einsicht über das NS-Regime und dessen unaufhaltsames Ende dermaßen komprimiert zum Ausdruck.

Damit formulierte er vorausblickend eine geschichtliche Tatsache, und gleichzeitig erhob er sich damit über seine Mörder, zeigte ihnen, dass sie zwar ihn töten können, aber die Geschichte bereits das Urteil über sie und ihr Regime gesprochen hat.

Es war der Abend des 19. November 1943. Das ns-Regime herrschte noch weitere 15 Monate – in denen über 200 Österreicherinnen und Österreicher, der überwiegende Teil hier in diesem Haus, ermordet wurden.

Holocaust
Bei einer Mehrheit der Menschen „wird die geschichtlich beispiellose, massenmörderische Vernichtungstätigkeit des Hitler-Regimes hauptsächlich mit den Gräuel der Konzentrationslager und der Gestapokeller in Verbindung gebracht oder auf die barbarische Behandlung besiegter Nationen und deren Kriegsgefangenen bezogen“, formulierte seinerzeit Eduard Rabofsky, und schloss daran die Feststellung, dass die in die Zehntausende gehenden Urteile der diversen NS-Gerichte – und den damit verbundenen Todesurteilen – weniger im Gedächtnis sind.

Wenn sich die Wissenschaft in der Zwischenzeit auch mit diesen Prozessen beschäftigt hat und ihre Forschungsergebnisse publiziert wurden, bleibt der Kern von Rabofskys Aussage doch bestehen.

Es hat sich vor allem in den letzen Jahrzehnten ein Begriff etabliert, den es damals noch nicht gab, der Begriff Holocaust. Er wurde seither zum Synonym für die Verbrechen des Nationalsozialismus schlechthin.

In der heutigen Veranstaltung geht es um das Andenken an Menschen, die politisch bewusst, von unterschiedlichen Weltsichten her –organisiert – Widerstand gegen das Naziregime übten.
Sie hatten verstanden, ich sagte es bereits, dass erst die Überwindung dieses Regimes die Möglichkeit eröffnen würde, dem Krieg ein Ende zu setzten und damit auch die Entwicklung eines, freien, unabhängigen Österreichs einleiten kann.

Ich habe den Eindruck, dass mit dem allgegenwärtigen Begriff Holocaust der tausendfache Mord an den aktiven Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern in den Hintergrund gedrängt und der Nazifaschismus auf die Verfolgung und Ermordung der Juden reduziert wird.

Der Massenmord wird zum Judenmord, zum kaum erklärbaren Holocaust; andere Opfer werden mehr oder weniger negiert. Das System des Faschismus wird dabei zum scheinbar nicht erklärbaren Bösen.

Der Begriff Holocaust steht bereits als Synonym für jegliche Gräuel der Nazis.

Dieses Überstülpen des Holocaustbegriffs auch über die Opfer des Widerstandskampfes geschieht m. M. nach einerseits durch partielle Ahnungslosigkeit einer nachgeborenen Generation.
Wenn man in einer österreichischen Zeitung von den „Leiden eines nichtjüdischen Holocaustopfers...“ lesen konnte, bestätigt das meine Einschätzung.

Aber manchmal werde ich den Eindruck nicht los, dass dies kein Zufall ist, sondern mit der Absicht geschieht den Charakter des Faschismus zu verschleiern. Als Versuch, den Widerstand wegzuretuschieren, der organisiert dort geführt wurde, wo Nazideutschland Länder okkupierte und ihre politischen Gegner bis hin zu deren Liquidierung verfolgte.

Dieser Akt der bewussten und organisierten Widerständigkeit scheint suspekt.
Um wie viel einfacher ist es da, die Opfer in den Vordergrund zu rücken, die einer anscheinend unerklärbaren Vernichtung anheim fielen, und sich somit die Reflexion über die Hintergründe ihres Sterbens in der Emotionalität, im nicht fassbaren Schrecklichen, dem Grausamen schlechthin erschöpfen, dem jeder zum Opfer fallen konnte, wenn er dieser NS-Matrix entsprach.

Opferthese
Und daran knüpft sich nahtlos – geradezu das Ausgeführte voraussetzend und bedingend – das an, was mit dem Begriff „Opferthese“ seit geraumer Zeit im Gespräch ist. Man könnte meinen, es gehörte neuerdings zur einschlägigen „political correctness“, diese Kollektivschuld-Doktrin bei jeder Gelegenheit im Munde zu führen.

Der Begriff „Opferthese“ wird von einer, m.M. nach selbstgerechten, scheinbar „kritischen“ Nachgeborenengeneration benutzt – so, als hätten sie das grad „entdeckt“, dass es in Österreich vor und nach 1938 Menschen gab, die den Nationalsozialismus unterstützten und nach 1945 welche so taten, als wäre nichts gewesen.

Die Propagandisten dieser Doktrin behaupten, dass sich „Österreich“ nach 1945 angeblich das Mäntelchen des „Opfers“ umgehängt und es sich in der „Opferrolle“ gemütlich gemacht hätte, um so von seiner „Täterrolle“ vor 1945, also seiner Mittäterschaft am NS-Regime abzulenken.

Wer sich nicht mit Pauschalierungen und Verallgemeinerungen zufrieden gibt, muss sich natürlich die Frage stellen:
Was heißt denn da Österreich, was und wer ist damit gemeint?

Meine Damen und Herren, ist es denn nicht eine unzulässige Verkürzung, mehr noch – ganz und gar unzulässig, zu verneinen, dass Österreich (das erste) Opfer Hitlerdeutschlands war?

Wieso wird da die Phrase eines „Täterstaates“ konstruiert, wenn es nach der Annexion 1938 diesen Staat “Österreich“ als handelndes, staatliches Subjekt nicht mehr gegeben hat? Wie kann ein nicht mehr existierender Staat Mitschuld an Naziverbrechen gehabt haben?

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit dieser Behauptung einer kollektiven, also einer nicht eingrenzbaren Schuldzuschreibung, von der individuell festzumachenden, also eingrenzbarer Schuldhaftigkeit abgelenkt werden soll.

Und wenn heute mit dieser Veranstaltung und mit dem Buch dieser Widerstandskämpferinnen gedacht wird, von denen Hunderte hier hingerichtet wurden, so sind gerade sie es, die diese kollektive Täterthese ad absurdum führen.
Im Namen dieser Opfer muss man solche Kollektivschuldphantasien zurückweisen.

Mehr noch, es waren nach 1945 Abertausende ÖsterreicherInnen, die sich sehr wohl zugutehalten konnten vor 1945 gegen den Faschismus gekämpft zu haben, und nach 1945 ebenso immer wieder gegen die Altnazis und gegen den Neofaschismus auftraten und berechtigter Weise stolz sein können, dass sie und auch ihre im Kampf ums Leben gebrachten Mitstreiter gegen den Nazifaschismus gekämpft haben.
Sie brauchen sich nicht durch diese erfundene Täterdoktrin verleumden zu lassen.

Kehren wir wieder zum Kernthema dieser Veranstaltung zurück.

Wenn die heutige Veranstaltung auch als Buchpräsentation ausgewiesen ist möchten wir heute aber auch den direkten Nachkommen die Referenz erweisen, mit der sie in diesem Nachkriegsösterreich nicht überhäuft wurden.

Trotz eines Opferfürsorgegesetzes waren sie, die Witwen und Waisen im Bewusstsein der naziverseuchten Gehirne von vielen Österreichern letztlich die Angehörigen von Verrätern, die – ihrer Meinung nach – den kämpfenden Soldaten an der Front in den Rücken gefallen sind.
Also mit denselben Formulierungen taxiert, wie sie schon in den Naziurteilen gegen ihre Angehörigen zu lesen waren.

Schwer war es für manche Angehörigen, wenigstens eine bescheidene Abgeltung des Erlittenen zu bekommen, wurden den Witwen entwürdigend, beschämend und protokolliert nachgeschnüffelt, ob sie das Bett nicht etwa wieder mit einem Mann teilen, was unweigerlich den Verlust der spärlichen Opferrente nach sich gezogen hätte. Solche Protokolle sind in den Opferfürsorgeakten keine Einzelfälle und heute noch nachlesbar!

Nach dem Gesagten gilt es umso mehr jene in den Vordergrund zu stellen und an sie zu erinnern, die den richtigen Weg gegangen sind, wie der in Berlin hingerichtete steirische Lehrer, Kommunist und Dichter Richard Zach es in einem seiner Zellengedichte formuliert hat.

Ihnen, die keine Täter waren, keine Handlanger des Nazifaschismus, keine Schreibtischmörder oder KZ-Aufseher, die keine Todesurteile beantragten, keine Todesurteile fällten, oder als Ärzte den eingetretenen Tod bestätigten, die also keine Räder im System dieses Mörderregimes waren um dessen Funktionieren zu gewährleiteten, – an sie soll mit diesem Buch erinnert werden.

Sie repräsentieren den besseren Teil der österreichischen Bevölkerung, sind Beleg dafür, dass nicht alle „Österreicher“ 1938 geistig am Heldenplatz gestanden sind.
Es gilt: Wehret den Anfängen.