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»Mein Kopf wird euch auch nicht retten«

Über das Buch

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Zur Kommunikation der Häftlinge

Ausgewählte Briefe

Besprechungen

Buchpräsentation am 26. Oktober 2016

Personenregister

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»Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer«

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Österreicher in der Roten Armee 1941 – 1945

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Österreichische ÖkonomInnen der ArbeiterInnenbewegung

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Österreichische Remigration aus der Sowjetunion

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Bin ich ein guter Soldat und guter Genosse gewesen?


(Rufzeichen)

Bestellung / Kontakt
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»Mein Kopf wird euch auch nicht retten«.

„. . sonst kann ich nichts geben": Dokumente aus dem Landesgericht.

Wer redet heute von den mutigen Männern und Frauen, die dem Terrorregime der Nationalsozialisten Widerstand leisteten? Ihre Angehörigen leben unter uns.

Als der Historiker im Archiv den Brief öffnete, fiel ein Haarbüschel heraus. Offenbar hatte ihn noch niemand geöffnet. Warum auch? Schließlich war der Absender seit 70 Jahren tot. Hingerichtet. Sein Abschiedsbrief war nicht zugestellt worden. „Mein liebes Elfchen”, hatte der Verurteilte seiner Braut geschrieben, „ich liebe dich weiter, wenn ich auch sterbe, Das Schicksal hat uns hart angefasst. Ich sterbe mit erhobener Faust. Zur Erinnerung ein paar Haare - sonst kann ich nichts geben.”
Vermerk der Untersuchungshaftanstalt: „Brief nicht zustellen. Der Reichsminister für Justiz hat sein Gnadenrecht nicht genützt, sondern entschieden, dass der Gerechtigkeit freier Lauf zu lassen sei.”

Welcher Gerechtigkeit? Johann Schleich, Beruf: Dreher, geboren 1919, war Schüler marxistischer Jugendorganisationen gewesen. Hingerichtet wurde er am 4. Jänner 1945 im Landesgericht Graz. In seinem Akt findet sich das Abschiedsgeschenk an seine Verlobte: Haare.

Geöffnet wurde der Brief erst 2014. Der Historiker Wilhelm Weinert fand ihn im Bundesarchiv Berlin. Seine Sammlung der Korrespondenzen zum Tode Verurteilter umfasst mittlerweile vier Bände. Zum ersten Mal hat ein Wissenschaftler die vollständigen Briefwechsel zwischen Verhafteten und ihren Angehörigen dokumentiert. Ihre Korrespondenzen reichen von der Festnahme bis zu den Sehreihen vor der Hinrichtung.

Was hatte man einander zu sagen? Die Angehörigen schrieben über die Kinder, Eltern, das Leben draußen und sprachen den Inhaftierten Mut zu. Die wiederum wussten, dass schon die geringste Andeutung über die Haftumstände ge¬nügte, damit ihre Briefe nicht weitergeleitet wurden. Daher sind andere Mitteilungen aufschlussreicher: die Kassiber, geheime Botschaften, die man aus dem Gefängnis und in die Zellen schmuggelte.

Auch sie finden sich in Weinerts Dokurnentation: Meist waren es eng be¬schriebene Stofffetzchen, die man in die Wäsche einnähte. Wenige haben sich erhalten. Aus Angst vor Zellenkontrollen und Wohnungsdurchsuchungen hat man sie fast immer vernichtet. Sollten die zensurierten Briefe die Angehörigen beruhigen, las man in den Kassibern die Wahrheit: "Verhör von Freitag 17 Uhr bis Samstag 8 Uhr Früh ununterbrochen. Mutter, du kannst mir glauben, ich habe alles getan, um alles auf mich zu nehmen und niemanden verraten zu müssen. Man schlug mich viel und ließ mich auf den Händen aufhängen. Bekam beim zwölfstündigen Verhör angedroht, man werde meine Braut, Eltern und alle Bekannten verhaften. Ich markierte' Zusammenbruch, weinte und spie falsche Sachen aus."

Kassiber, die nach draußen gingen, enthielten Bitten wie „Mine von einem Tintenstift in den Kragen einnähen” oder Warnungen vor Spitzeln, die die Gestapo in die Widerstandsbewegung eingeschleust hatte. Vor „Ossi” etwa, einem Agent provocateur, oder „Sonja”, die Grete Kahane hieß: zwei frühere Kommunisten, die die Gestapo unter Todesdrohung erpresste. Man geht davon aus, dass ihnen die Verhaftung von etwa 800 Widerstandskämpferinnen und -kämpfern zuzuschreiben ist. Die Architektin Grete Schütte-Lihotzky, die zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, war ihr prominentestes Opfer. Andere endeten unter dem Fallbeil.

Die Verurteilten trösteten die Angehörig. in ihren Abschieds-riefen, hofften für die geliebte Frau, sie möge einen guten Gatten finden, und ermahnten ihre Kinder, brav zu lernen. manche der angesprochenen Töchter und Söhne leben unter uns. Ein damaliges Kleinkind ist heute Obmann der Kameradschaft der politisch Verfolgten. Die Gedanken und Reflexionen ihrer verurteilten Väter und Mütter über den Sinn des Lebens zeigen eine Größe, Menschlichkeit und Tiefe, die den Kriegsverbrechern des Nürnberger Prozesses ausnahmslos fremd war.

Die Korrespondenz der zum Tode Verurteilten wird am Nationalfeiertag im Wiener Landesgericht, wo einst die Guillotine stand, vorgestellt werde.

(Kurt Scholz, in ’Quergeschrieben‘; »Die Presse«, 17.10.2016)
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„Mein Kopf wird euch auch nicht retten“

Im Wiener SternVerlag ist ein eindrückliches Kompendium von Briefen und teilweise auch Korrespondenzen inhaftierter österreichischer WiderstandskämpferInnen erschienen.

Der Ausspruch auf dem Franz Strohmer jenem Kollegium im Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts (heute „Weihestätte“), das ihm gerade die Ablehnung seiner Begnadigung und den Vollzug des Todesurteils mitgeteilt hatte, unmittelbar vor seiner Hinrichtung am 19.11.1943. Rund 600 österreichische Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen (von insgesamt 1.200 Geköpften) starben im Wiener Landesgericht während der Nazizeit unter dem Fallbeil, Hunderte wurden an anderen Orten hingerichtet.

In der Literatur über den Widerstandskampf in Österreich wird dieser vorwiegend durch die Veröffentlichung von Dokumenten der NS-Behörden (Gestapoberichte, Verhörprotokolle, Anklageschriften, Urteile) dargestellt. Nur in wenigen Publikationen kommen die Menschen selbst zu Wort. Selbst von denen, die die Verfolgung und die Haft überlebt hatten, haben nur wenige Erinnerungen verfasst, die auch publiziert wurden.

Nun liegt ein wahrhaft umfassen des Werk zum österreichischen Widerstand mit 2.224 (!) Seiten in vier Bänden vor. Darin finden sich erstmals in solch einer Breite Hunderte Briefe, teilweise auch Korrespondenzen. Sie spiegeln den letzten Lebensabschnitt dieser Menschen zwischen Verhaftung und Hinrichtung wider. Willi Weinert hat den Inhalt in jahrelanger Arbeit zusammengestellt, wofür ihm die höchste Anerkennung gebührt. Wie er selbst formulierte legt er damit eine Fortsetzung seines Buchs „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer“ vor (Ein Führer durch den Ehrenhain der Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof für die hingerichteten WiderstandskämpferInnen).Ergänzt werden diese Briefe nicht nur mit den Biografien, sondern auch mit vielen Fotos von den Ermordeten und ihren Familien, ebenso geben Dutzende Behördendokumente Einblick in das System der NS-Verfolgung.

Beim Lesen all der sehr unterschiedlichen (in Sprache und Temperament) Postkarten, Briefe oder Kassiber muss man bedenken, dass sie eine der wichtigsten Formen der Kommunikation der Gefangenen mit ihren Angehörigen, aber auch innerhalb des Gefängnisses waren. Die offizielle schriftliche Kommunikation unterlag der Zensur und war in ihrer Frequenz beschränkt. Der Inhalt der Nachrichten reichte von Bitten um Utensilien, die den Gefängnisalltag betrafen (Seife, Wäsche, Rasierapparat usw.) bis hin zu Schilderungen des Lebens im Gefängnis, bis zu den Reflexionen über das Leben in den Abschiedsbriefen der zum Tode Verurteilten.

Die Korrespondenzen sind auch Spiegelbild der Lebensumstände der Familien, der Einschränkungen, der Auswirkungen des Krieges, aber ebenso der zwischenmenschlichen Beziehungen inner- und außerhalb der Kerkermauern. Sie sind die letzten Zeugnisse im Leben von Menschen, von denen die meisten bis zum Gang in die Todeszelle hofften, wieder zu ihrem Leben und zu ihren Lieben zurückkehren zu können.

Dutzendfach kann man in den hier wiedergegebenen Korrespondenzen die aus der Alltagssprache her bekannte und hier als Mut machende Floskel „Kopf hoch“ lesen. Doch blieb die ihr innewohnende Hoffnung angesichts der NS-Terrorjustiz ohne Chance auf Erfüllung. Die in diesem Buch abgedruckten Briefe stammen größtenteils aus Privatbesitz und werden hiermit erstmals zugänglich gemacht.
Besonders seien auch jene Briefe erwähnt, die von den Gefangenen an ihre Angehörigen geschrieben, aber von der Justiz wegen ihres Inhalt einbehalten wurden. Darunter auch Abschiedsbriefe, die die Adressaten nie erreichten. Sie kamen zu den Akten und wurden im Zuge der Recherchen gefunden und sind jetzt in diesem Buch zugänglich

Das Buch möge dazu beitragen, das Andenken an diese Menschen und Vorbilder zu bewahren, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten und von der NS-Justiz in hoher Zahl ermordet wurden. Präsident Friedrich Forsthuber konnte bei der Präsentation am 26. Oktober im Wiener Landesgericht, die gleichzeitig eine Gedenkveranstaltung war, mehr als 250 BesucherInnen begrüßen. Eine Tatsache, die Mut macht. Die Publikation wurde auch von den drei NS-Opferverbänden gefördert.

(Gerald Netzl, in: »Der sozialdemokratischer Kämpfer«); 4/2016, S. 1)
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„Mein Kopf wird euch auch nicht retten“

Im überfüllten großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichtes fand am 26. Oktober 2016 die Präsentation des genannten Buches statt.

Dieses Werk in vier Bänden mit insgesamt 2.224 Seiten wurde in mühevoller Detailarbeit von Lisl Rizzi und Dr. Willi Weinert erarbeitet und herausgegeben. Nach der Begrüßung durch die Herausgeber und den Präsidenten des Straflandesgerichtes Mag. Friedrich Forsthuber erklärte Dr. Wilfried Garscha die Bedeutung des Werkes auch für das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Dr. Gerhard Kastelic konnte als Kind eines Hingerichteten über die Erinnerung an seinen ermordeten Vater sprechen. Die Schauspieler Marie-Luise Hauk und Michael Schusser lasen aus Dokumenten, die dem Autorenteam zur Verfügung standen.
Das vierbändige Werk, mit einer Unmenge von Fotos und Dokumenten ausgestattet, bietet einen hervorragenden Überblick über die Korrespondenz zwischen den Inhaftierten und ihren Familien, insbesondere ihren Kindern. Es ist den Autoren zu danken, dass sie ein hervorragendes Dokument für die Nachwelt geschaffen haben.

Dr. Willi Weinert führte bei seinen Erklärungen sehr ausführlich das Thema Verfolgung
an und sagte unter anderem wortwörtlich:

[Hier werden aus der Rede die Passagen zu „Holocaust“ und „Opferthese“ zitiert. Der volle Wortlaut der Rede ist unter „Buchpräsentation am 26. Oktober 2016“ nachzulesen.]

Es ist typisch, dass diese klaren Ausführungen über die Ausgrenzung zwischen dem aktiven Widerstand und den Verfolgungen aus rassischen und Abstammungsgründen ein großer Unterschied gemacht werden muss. Es ist bedauerlich, dass diese klaren Aussagen von einem Mann kommen, der politisch gesehen sicherlich nicht unserer Weltanschauung nahe steht. Ich vermisse aber in der letzten Zeit Aussagen von Vertretern unserer Gesinnungsgemeinschaft oder jener die sich dazu zählen, um dem Missbrauch der Begriffe wie es von Dr. Weinert dargestellt wurde, hintan zu halten.
Dies führt mich zu einem zweiten Begriff und zwar dem Austrofaschismus. Als ich bei einer Sitzung dagegen demonstrierte, dass dieser Begriff in eine Ausstellung, die auch von
Ausländern und über die österreichische Geschichte Nicht-Informierte aufgenommen werden sollte, wurde ich von einer bestimmten Seite massiv angegriffen. Als aber dann auch von unserer Gesinnungsgemeinschaft nahestehenden Personen nach der Devise, der Begriff hat sich eingebürgert, man kann eben nichts machen, argumentierten, war mir eines klar: Die Feigheit, die Ignoranz und die Bequemlichkeit haben gesiegt.
Ich bin es leid, als einsamer Rufer in der Wüste aufzutreten.

(Gerhard Kastelic, in: »Der Freiheitskämpfer« Nr. 47 [Dez. 2016], S. 5f)
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Nachrichten aus dem Kerker
Buch mit Briefen von inhaftierten WiderstandskämpferInnen erschienen

Persönliche und dadurch besonders berührende Zugänge zu österreichischen WiderstandskämpferInnen, die vom NS-Regime in den Kerker geworfen wurden, ermöglicht eine neue Publikation des Wiener Stern Verlags, die am diesjährigen Nationalfeiertag im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts für Strafsachen Wien präsentiert wurde. In diesem Verlag, der bereits mit dem Buch „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer“ einen Führer durch die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof veröffentlichte, publizieren Lisl Rizy und Willi Weinert in gewisser Weise als „Fortsetzung“ eine umfangreiche Sammlung von Postkarten, Briefen oder geheim geschriebenen Kassibern. Diese waren eine wichtige Form der Kommunikation der Gefangenen mit ihren Angehörigen, aber auch innerhalb des Gefängnisses. Die im Buch abgedruckten Korrespondenzen stammen großteils aus Privatbesitz und werden erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die offizielle schriftliche Kommunikation unterlag der Zensur und war in ihrer Frequenz beschränkt. Der Inhalt der Nachrichten reichte von Bitten um Utensilien, die den Häftlingsalltag betrafen (Seife, Wäsche, Rasierapparat usw.), über die Schilderungen des Lebens im Gefängnis (Lektüre, Sträflingsarbeit, mangelnde Ernährung und Gefängnisarbeiten), bis hin zu Reflexionen der Gefangenen über ihr bisheriges Leben, ihre Ehe und die Sorgen um ihre EhepartnerInnen und Kinder im Falle des Todes. Die im Buch versammelten rund 2000 Nachrichten von etwa 170 eingekerkerten Personen sind die letzten Zeugnisse im Leben von Menschen, von denen die meisten – so sie zum Tode verurteilt wor-den waren – hofften, wieder zu ihren Lieben zurückkehren zu können. Dutzendfach kann in den hier wiedergegebenen Korrespondenzen die aus der Alltagssprache bekannte und hier als Mut machend zu verstehende Floskel ‚Kopf hoch‘ gelesen werden. Doch blieb die ihr innewohnende Hoffnung angesichts der NS-Terrorjustiz ohne Chance auf Erfüllung.
Der im Alter von 30 Jahren hingerichtete Straßenbahner Rudolf Sturm gab seiner Hoffnung auf die Erinnerung an die Opfer nach dem Sieg über den Faschismus in einem Kassiber Ausdruck, wenn er schrieb: „Man wird einmal erzählen, schreiben und viele andere Sachen tun, um das Andenken jener Opfer wachzuhalten, die notwendig waren. Später wird es Ge-wohnheit und darüber hinaus vergessen. Wer denkt heute noch an die Märzgefallenen von 1848, wer an die Opfer von 1918, wer an den 15. Juli `27, an den Februar `34, wer frage ich?“
Der 1945 wiedererstandene Staat Österreich – der diesen Menschen viel zu verdanken hatte – erwarb sich mit der Würdigung dieser Opfer keine Lorbeeren – im Gegenteil. Oftmals wurden die WiderstandskämpferInnen bewusst verdrängt und verschwiegen. Im Gegensatz dazu erlebten frühere Nazis ihre Reintegration und ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg.
Wie Willi Weinert bei der Präsentation der umfangreichen vier Bände betonte, repräsentiert der nach 1945 marginalisierte Widerstand jedoch „den besseren Teil der österreichischen Bevölkerung“. Der Widerstand ist „Beleg dafür, dass nicht alle ‚Österreicher‘ 1938 geistig am Heldenplatz gestanden sind“, so der Herausgeber. Dieses verdienstvolle Buch soll dazu beitragen, das Andenken an jene Menschen zu bewahren, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten und dafür ihr Leben geben mussten.

(Aus: »Der neue Mahnruf«, 4/2016, S. 10.)
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