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»Mein Kopf wird euch auch nicht retten«

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»Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer«

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Österreicher in der Roten Armee 1941 – 1945

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Österreichische ÖkonomInnen der ArbeiterInnenbewegung

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Österreichische Remigration aus der Sowjetunion

Vorbemerkungen

Inhaltsverzeichnis

Opferbegriff

Franz Koritschoner

Personenregister

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Bin ich ein guter Soldat und guter Genosse gewesen?


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Österreichische Remigration aus der Sowjetunion

Die Legende über Franz Koritschoners ’Auslieferung‘ – weder ’Morgengabe‘ noch ’Geschenk‘

Der bekannteste Fall eines aus der Sowjetunion ausgewiesenen, von den Nazis verhafteten und ermordeten Kommunisten, ist der des Franz Koritschoner. Sein Name wurde zum Synonym für die „unmenschlichen Auslieferungen“ von ÖsterreicherInnen seitens der Sowjetunion an Nazideutschland.

Wenngleich Koritschoners Lebensweg den wenigen bereits geschilderten (vgl. Kapitel: Von der Lubjanka ins KZ?) glich, wurde er in der antikommunistischen Propaganda zum prototypischen Beispiel für die „Unmenschlichkeit“ des Kommunismus stilisiert. Wie dies der »Wiener Kurier« Anfang der 1950er-Jahre verbreitete, später es andere fortsetzten und dies seit geraumer Zeit auch in der KPÖ-Führung kolportiert wird. Allen galt und gilt sein Schicksal als weiterer Beleg für den, dem Nationalsozialismus „wesensverwandt“ behaupteten „Stalinismus“. Noch 1997 schrieb Herbert Lackner im »profil« perfide: „Jener Franz Koritschoner, den die Sowjets auf so grausame Weise vernichten ließen, war einer der Begründer der Kommunistischen Partei Österreichs gewesen ...“ Und weiter: „In keinem Fall freilich zeigt sich der Irrsinn so exemplarisch wie in der Tragödie des Franz Koritschoner, der von den beiden widerwärtigsten Systemen dieses Jahrhunderts gemeinschaftlich [!? – w.w.] liquidiert wurde.“

Trotz des Stellenwertes seiner Person in der Geschichte der KPÖ muss gesagt werden, dass er zu jenen zählt, über die nach 1945 im Umfeld der KPÖ nahezu nichts bekannt geworden ist. Nicht nur weil er einer anderen Generation (Jg. 1892) angehörte, die nach 1945 fast nicht mehr in der KPÖ in höheren Funktionen präsent war, sondern auch aus dem Grund, weil er einerseits zu den vehementesten „linken“ Fraktionisten der KPÖ der 1920er-Jahre gehörte, und andererseits, obwohl Opfer der Nazis, sein Leben verquickt war mit jenen österreichischen Kommunisten, die in der Sowjetunion der zweiten Hälfte 1930er-Jahre verhaftet, manche erschossen wurden oder in Lagern ums Leben kamen. Dieser Teil der Parteigeschichte blieb in der KPÖ nach 1945 (auch) unterbelichtet.

Die Mitglieder der KPÖ-Führung nach 1945, die Koritschoner aus der Zeit der Fraktionskämpfe kannten (Johann Koplenig, Franz Honner, Friedrich Hexmann, Friedl Fürnberg, Leopold Hornik, Anna Strömer, Malke Schorr, Gottlieb Fiala, Karl Steinhardt, Anna Grün, Mela Ernst u.a.), äußerten sich nicht öffentlich. In geschichtlichen Rückblicken kam er nicht vor, ebenso wenig wurden die Biografien der anderen Protagonisten der Fraktionskämpfe dargestellt.
Auch Schicksale anderer Personen blieben ausgeklammert, wie das des Wiener AK-Rats der KPÖ Alois Ketzlik, der in den 1930er-Jahren in der Sowjetunion verhaftet und unter konstruierten Beschuldigungen verurteilt und erschossen worden ist, oder das des (Dr.) Franz Quittner. Der KJVÖ-Funktionär und Chemiker ging als Spezialist in die Sowjetunion und wurde dort ebenfalls erschossen. Beider Witwen waren auch nach 1945 Mitglieder der KPÖ. Genia Lande agierte im Jahrzehnt nach 1945 im Schulungsbereich, Erna Ketzlik war Bibliothekarin in der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft und blieb bis zu ihrem Lebensende Mitglied der Partei, während Lande 1957 ausgetreten ist.

Wie sehr Koritschoners Lebenslauf vergessen war, mag ein Gespräch einer Historikerin 1975 mit dem führenden KPÖ-Funktionär Friedl Fürnberg illustrieren. Darin kommt dieser auf die Fraktionskämpfer der 1920er-Jahre zu sprechen und beantwortet die Frage nach den weiteren Lebensläufen der daran beteiligten Personen: „Die haben ihren Kampf noch geführt gegen die Partei durch Jahre hindurch, sind dann später einer nach dem anderen aus der Partei ausgeschlossen worden. Frey ist in die Schweiz emigriert, ist dort gestorben. Tomann ist in Österreich geblieben und ist zu den Nazis gegangen, war Gauredner bei den Nazis, ist seit 1945 verschollen. Koritschoner, der anständigste von ihnen eigentlich, wenn man es genau nimmt, ein großer Fantast, der auch viele Phrasen geliebt hat, der war in der Sowjetunion und ist dort umgekommen, ungerecht.“

Im Zusammenhang mit Koritschoner wird immer wieder formuliert, er wäre von der Sowjetunion an Hitlerdeutschland „ausgeliefert“ worden. So auch in der wahrscheinlich ersten Bezugnahme auf Koritschoner nach 1945, in der geschrieben wurde: „Die verhafteten deutschen und österreichischen Kommunisten wurden an Hitler ausgeliefert.“ Auch Herbert Steiner, der viele Jahre Material zu Koritschoner sammelte, schrieb: „Anfang April 1941 lieferten die Behörden der UdSSR Koritschoner an der deutsch-sowjetischen Grenze bei Lublin an die Gestapo aus.“ Schafranek schreibt: „Im April 1941 wurde Koritschoner an der sowjetisch-deutschen Demarkationslinie der Gestapo ausgeliefert.“ An anderer Stelle formuliert er sogar, dass er für Deutschland ein „unerwartetes ’Geschenk‘“ gewesen wäre, und will damit andeuten, dass die Deutschen auf ihn „gewartet“ hätten, um ihn umzubringen.

Im Kapitel Auslieferung oder Ausweisung? (S. 17ff) wird ausgeführt, dass es keine Auslieferung von Gefangenen an Hitlerdeutschland durch die Sowjetunion gegeben hat. Auch Koritschoner wurde nicht ausgeliefert, vielmehr wurde seine Haftstrafe (wie die von Dutzenden anderen Österreichern auch) in eine Ausweisung umgewandelt. Im Rehabilitationsschreiben aus 1991 heißt es dazu: „Durch Beschluss des Gerichtskollegiums für Strafsachen des Obersten Gerichts der UdSSR vom 5.10.1940 wurde die restliche Haftzeit in Ausweisung Koritschoners aus der Sowjetunion umgewandelt.“

Für Auslieferungen im juristisch Sinn, d.h. die Übergabe von Personen auf Grund eines Auslieferungsbegehrens des „Heimatlandes“ (Deutsches Reich) an die Sowjetunion, gibt es bislang keinen einzigen Beleg. Alle anderen schriftlichen Verrenkungen, die besonders im Fall Koritschoner gemacht werden, um zu erklären, dass es de facto doch eine Auslieferung gewesen sei, ändern nichts an den Quellen, die es dazu gibt und die die Ausweisung belegen.
Im zitierten »Kurier«-Artikel wird aber noch ein anderer Aspekt hervorgehoben. Die Ausweisung Koritschoners aus der UdSSR soll dabei zum Synonym für die angeblich enge Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland gemacht werden. So auch bei Schafranek, der die Sowjetunion tendenziös als „Bundesgenossen“ des „Deutschen Reiches“ bezeichnet, wenn er formuliert: „... im September 1940 gab die stalinistische Bürokratie den alten Revolutionär (gemeint ist Koritschoner) ihrem faschistischen Bundesgenossen preis.“ An anderer Stelle schreibt er ähnlich tendenziös: „... so dass eine Ausweisung aus der UdSSR verfügt wurde, d.h. die direkte Auslieferung an Nazideutschland – für den jüdischen Kommunisten ein Todesurteil.“

Wie an anderer Stelle bereits ausgeführt, wird versucht, den Nichtsangriffsvertrag zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland (August 1939) als Ausdruck ihrer engen Beziehung zu verfälschen. Dazu zählte auch die Behauptung, die darauf hinausläuft, dass auf diesem Vertrag basierend, ein so gutes Verhältnis zwischen beiden Staaten entstand, dass die Sowjetunion sogar Kommunisten an Nazideutschland – wie eben Koritschoner – ausgeliefert hätte. Was zwar dabei nicht immer dezidiert gesagt wird, aber was der Leser aus diesen Formulierungen schließen sollte, ist, dass die Sowjetunion diese Menschen an Deutschland im vollen Bewusstsein, dass sie dort umgebracht würden, ausgeliefert habe. Es kann nicht übersehen werden, dass Stadler hervorhebt, dass Koritschoner nicht nur „Altkommunist“ sondern auch „Jude“ war, um so damit die Verwerflichkeit der behaupteten Auslieferung an Nazideutschland zu unterstreichen. Schon 1949 konnte man im Kärntner SP-Organ »Neue Zeit« (Klgf.) lesen: „Und wozu schweigt man in der kommunistischen Presse überhaupt? Über die größte Ungeheuerlichkeit dieses Jahrhunderts, über die Auslieferung österreichischer Sozialisten, dissidenter deutscher Kommunisten, darunter Frauen und Juden, an Hitlers Konzentrationslager auf Grund des zwischen Moskau und Berlin im Jahre 1939 abgeschlossenen Geheim- und Nichtsangriffspaktes. Man stelle sich vor: Menschen suchen in einem Lande, das sich ’sozialistisch‘ nennt, als Sozialisten und Kommunisten Zuflucht vor dem Faschismus. Wenige Jahre darauf schließt dieser ’sozialistische‘ Staat aus Zweckmäßigkeitsgründen einen Geheim- und Nichtangriffsvertrag mit dem faschistischen Staat und diesem werden nun Sozialisten ausgeliefert. Einen kälteren, brutaleren Machiavellismus hat es in der Geschichte nicht gegeben.“ Der Zeitpunkt, zu dem dieser (und ähnliche) Artikel erschien(en), zeigt schon, worum es ging. Vier Wochen vor der zweiten Nationalratswahl nach dem Zweiten Weltkrieg (1949) in Österreich, war der SP nichts zu schäbig. Man log und fälschte ungeniert, und hoffte so, die Menschen abhalten zu können, KPÖ zu wählen.

Schafranek seinerseits versucht in diesem Zusammenhang, die zwischen dem „Deutschen Reich“ und der Sowjetunion nach der „Teilung“ Polens erfolgte Repatriierung so darzustellen, als hätte die Sowjetunion hier mit jenen „rassistischen“ (d.h. antisemitischen) Kriterien gearbeitet wie Nazideutschland.

Das hat natürlich mit der historischen Wahrheit sehr wenig zu tun. Ohne auf Erläuterungen Schafraneks einzugehen, die aufzeigen, dass sich Deutschland massiv geweigert hat, deutschen Juden die Rückkehr aus der Sowjetunion zu genehmigen, wird mit so einer Behauptung ja versucht, heutigen Wissensstand – Stichwort Judenvernichtung („Holocaust“) – auf eine Zeit zu projizieren, in der es diesen Wissensstand nicht gegeben hat. Die behauptete Auslieferung von in sowjetischen Gefängnissen inhaftierten Menschen mit jüdischer Abstammung an das Deutsche Reich bedeutete in diesem Zeitraum nicht, sie der („fabriksmäßigen“) Vernichtung preiszugeben.

1939 verließen (erzwungenermaßen) etwa 80.000 Juden Deutschland. Nach dem Krieg gegen Polen war es dann die Absicht von Reinhard Heydrich, dem Leiter des RSHA, die Juden nach Polen zu evakuieren. Im März 1940 ließ Hermann Göring diese auch umgesetzten Deportationen einstellen, dafür wurden wieder die „Auswanderungen“ forciert; bis zum Mai 1941, wo sie unterbunden wurden. Im Juli 1941 ging Heydrich, nach Auftrag von Hermann Göring, an die „Gesamtlösung der Judenfrage“; Mitte Oktober 1941 begannen die Deportationen der Juden aus dem „Reichsgebiet“. Und mehrfach wurde in den Medien die Frage aufgegriffen, wann die USA frühestens von den „Holocaust“-Plänen der Nazis erfahren haben könnten, wobei das Frühjahr 1942 genannt wurde.
Trotzdem damals Juden bereits in KZs eingeliefert worden sind, war bekannt, dass Deutschland versuchte, sich der Juden zu „entledigen“. Zahlreiche Juden wurden, so sie im Besitz von Einreiseerlaubnissen anderer Staaten waren (und wie wenig groß das Interesse bei den USA, der Schweiz oder anderer Länder war, Juden aufzunehmen, ist belegt), aus den KZs entlassen. Als Beispiel mit Österreichbezug sei der Kommunist Curt Ponger genannt, der im KZ Buchenwald (als Kommunist, wenngleich unter die nazistischen „Rassegesetze“ fallend) inhaftiert war und 1939 im Zuge der „Auswanderungshilfsaktion für Juden“ nach Großbritannien, dann in die USA ausreisen konnte. Allgemein bekannt ist auch, dass der Kommunist Jura Soyfer bereits in Besitz solch einer Genehmigung, kurz vor seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald an Typhus verstorben ist.
Dies berücksichtigend entbehrt so der immer wieder getätigte Vorwurf, die Sowjetunion hätte Koritschoner (und andere jüdische Kommunisten) im Bewusstsein an Nazideutschland ausgeliefert, dass diese dort ermordet werden, jeglicher Grundlage.

Koritschoner war, ganz im Gegenteil, den Deutschen nicht sehr „willkommen“. Schafranek schreibt, dass Nazideutschland eigentlich kein Interesse an Koritschoner hatte. Als Koritschoner auf einer Liste der aus der Sowjetunion ausgewiesenen Personen aufschien, schrieb die Deutsche Botschaft in Moskau fast bedauernd ans Auswärtige Amt: „Da Koritschoner die deutsche Staatangehörigkeit nicht aberkannt worden ist, konnte seine Übernahme nicht abgelehnt werden.“
Aufschlussreich auch seine weiteren Ausführungen: „Mit der Bezeichnung Übernahme war hier – und in allen vergleichbaren Fällen – nicht der Auslieferungsakt [hier verfälscht Schafranek, denn es handelte sich um eine Ausweisung – w.w.] im engeren Sinn gemeint, sondern die Bereitschaft, nach individueller Prüfung des Volkskommissariats für Äußeres Narkomindel [Narodnyj kommissariat Inostrannych Del – w.w.] übermittelten Ausweisungslisten den – zumeist unfreiwilligen – Grenzübertritt der zur Abschiebung verurteilten Häftlinge zu akzeptieren. Standen dem von deutscher Seite keine bürokratischen Hindernisse entgegen (z.B. Ausbürgerung), so wurden die betreffenden Personen in die so genannte Sammelliste aufgenommen, die dann die Übergabe an die deutsche Polizei bildete.“

Auf die dem Kalten Krieg geschuldeten Unterstellungen, dass die behaupteten Auslieferungen von Deutschen und Österreichern ans Deutsche Reich quasi eine Gratifikation seitens der Sowjetunion an Hitlerdeutschland war, wurde bereits eingegangen.
Nicht um das tragische Schicksal des Kommunisten Franz Koritschoners zu beschönigen oder davon abzulenken, sondern um die Rahmenbedingungen – und damit die Möglichkeit einer Einordnung in die damaligen Zeitumstände zu ermöglichen – bewusst zu machen, werden hier die falschen Aussagen aufgedeckt. Es sei nochmals daran erinnert, dass die bürgerlich-demokratische Schweiz damals Juden an Hitlerdeutschland (aber auch an Frankreich) übergeben hat. In keiner historischen Betrachtung wurden diese Vorgänge je mit so einem Tendenzvokabular abgehandelt, wie es Schafranek im Zusammenhang mit Koritschoner verwendete, als er dessen Ausweisung als „besonders infames Verbrechen“ der „stalinistischen Bürokratie“ bezeichnete. Welch eine Pervertierung, in Koritschoners Ausweisung aus der Sowjetunion ein „infames Verbrechen“ zu sehen, seine Ermordung durch die Nazis im KZ Auschwitz hingegen trocken, kommentarlos zu vermerken.